Wer heute noch von Kulturindustrie spricht, steht schnell im Ruf, elitärer Bildungsbürger zu sein, der den Massen ihr Vergnügen verleiden will. Bei Kulturindustrie denken die meisten unweigerlich an Hollywood – und übersehen, dass der Begriff bei Adorno und Horkheimer mehr und anderes meint als bloß Film, Funk und Fernsehen: nämlich die umfassende gesellschaftliche Organisation indivueller Erfahrung. Inmitten der entfremdeten Verhältnisse suggeriert Kulturindustrie intime Nähe. Sie versorgt die Subjekte mit jenem Weltbezug, ohne den sie als vereinzelte Einzelne zugrunde gingen, und lässt dabei keinen Gegenstand unbearbeitet und keinen Konsumenten unerfasst. Ihr heimliches Motto – »für jeden wird gesorgt« – ähnelt darum nicht zufällig dem des autoritären Sozialstaats. Kulturindustrie duldet weder geistige Strenge noch unreglementierte Lust. Passieren lässt sie nur, was sich in den Dienst des großen Ganzen stellt. Wenn sich Kulturindustrie überhaupt national eingrenzen ließe, hieße daher ihr Heimatland nicht Amerika, sondern Deutschland. Hier entstanden nicht nur die bedeutungsschwangeren UFA-Filme der Weimarer Republik, sondern auch das Bild vom Krieg als Konsumartikel, der »Schlacht als innerem Erlebnis«. Hier lauschte man gebannt dem Führer am Volksempfänger und tankte nach getaner Vernichtungsarbeit Kraft durch Freude. Hier wurden nach 1945 all die politisch inopportun gewordenen völkischen Ideologeme ins Bermudadreieck von Heimatschnulze, Goetheabend, Landserroman und Fußballbund ausgelagert, und hier konnte nach 1968 eine Revolte umstandslos in kommunistische Kostümfeste und alternative Kleinkunstproduktion überführt werden. Hier schließlich nehmen, während die offiziellen Staatsempfänge keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervorlocken, patriotische Spektakel inzwischen die zeitgemäße Form schwarz-rot-geiler Volksbespaßung an. Auch um diesen Zusammenhang von Kulturindustrie und deutscher Ideologie soll es auf der Veranstaltung gehen.
Lars Quadfasel ist assoziiert in der Hamburger Studienbibliothek und der Gruppe Les Madeleines.
02. April 2012 | von [association critique] mit Lars Quadfasel
Archiv der Kategorie 'Vortrag'
Gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse haben viele Dimensionen, wie
z.B. der Kapitalismus, das Geschlechterverhältnis und der Rassismus.
Sie sind zwar miteinander verschränkt, aber nicht auseinander
abzuleiten. Herrschaftsverhältnisse sind dabei nicht als etwas zu
denken, das den Menschen, die innerhalb dieser Verhältnisse leben, nur
äußerlich ist. Unser „Selbst“ wird innerhalb unserer sozialen
Beziehungen hergestellt und wirkt auf diese Beziehungen zurück.
Eine reflexive linksradikale Kritik sollte deshalb in Rechnung
stellen, dass wir alle als Akteur_innen immer bereits platziert
werden. Es spricht vieles dafür, die permanente Verstrickung des
eigenen Lebens und des eigenen Alltags in gesellschaftliche
Herrschaftsverhältnisse nicht auszuklammern.
Eine aktive Praxis der Positionierung innerhalb der zu kritisierenden
Verhältnisse könnte Teil unserer Kritik und unserer Handlungsfähigkeit
sein, um Praxen der Ausschließung und der Diskriminierung aber auch
der Privilegierung und Dominanz sichtbar und angreifbar zu machen –
nicht zuletzt auch innerhalb der eigenen linken Zusammenhänge.
Folgende Fragen möchten wir am Roten Montag mit Euch diskutieren:
Was kann reflexive Herrschaftskritik für unsere politischen Praxen
bedeuten?
Wie lässt sich eine Einheit von Aktion und Reflexion verwirklichen?
05. März 2012 | von :uniLinks! mit dem Komitee „Ringen mit Engeln!“
Vor einem Jahr löste Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ eine nicht enden wollende Diskussion um „Integration“, „Islam“, „Deutschenfeindlichkeit“ und „Fachkräftemangel“ aus. Das mediale Ereignis der »Sarrazindebatte« führte zu einer breiten gesellschaftlichen Verschiebung nach rechts, enttabuisierte rassistisches Denken und verband in besonderer Weise Rassismus mit Elite- und Nützlichkeitsdenken.
Schwerpunktmäßig wird es in der Veranstaltung um die Frage nach Kontinuitäten und Brüchen durch Sarrazin gehen. Es wird sich zeigen, dass die angesprochenen Diskurse keinesfalls „neu“ sind oder durch „Tabubrüche“ zum Vorschein kamen. Vielmehr unterliegen sie Konjunkturen und scheinen in ihrer Verschränkung besonders wirksam zu sein.
Hannah Schultes (Düsseldorf) und Sebastian Friedrich (Berlin) sind Redaktionsmitglieder von kritisch-lesen.de. Außerdem sind sie aktiv bei der Diskurswerkstatt des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung (DISS) und Autor_innen bzw. Herausgeber des Sammelbandes “Rassismus in der Leistungsgesellschaft”.
Ausschlussklausel: Nach § 6 Abs. 1 VersG sind Angehörige der rechten Szene von der Veranstaltung ausgeschlossen.
5. September 2011 | von [association critique] mit Hannah Schultes (Düsseldorf) und Sebastian Friedrich (Berlin)