Archiv für Oktober 2013

This is madness! Zur Sozialpsychologie des Kapitalismus

Dass diese Welt verrückt ist und auch verrückt macht, ist mittlerweile
längst zur Floskel geworden, mit der das nachbürgerliche Subjekt sein
gesellschaftliches Verhältnis etikettiert. Und tatsächlich ist es fast
schon eine allenthalben zugestandene Binsenweisheit, dass der Kapitalismus
in all seinen Ausformungen in der Produktions- wie Konsumsphäre,
öffentlich und privat, krank macht – und zwar, wie man so sagt, psychisch
krank.
Zweifelsohne gibt es zwischen der protestantischen Ethik und den seelischen
Konflikten mehr als nur Kongruenzen; der von Max Weber beschriebene
Berufsmensch ist dem Neurotiker und Psychotiker in vielen Merkmalen zum Verwechseln
ähnlich, die technologische Rationalität vom alltäglichen Wahnsinn kaum
unterscheidbar. Früher waren es die nervösen Leiden, die ein ganzes
Zeitalter prägten; dann kam die große Welle der Hysterie, die Schizophrenie,
schließlich – heute – die krude Mischung aus Depression und Hyperaktivität;
weit über die klinische Psychiatrie hinaus wird Borderline zur selbstverständlichen Diagnose.
Was darüber hinaus allerdings „normalisiert“ wird, ist der pathologische
Befund über die kapitalistische Gesellschaft an sich: sie erscheint zwar
nicht als gesund, aber immer noch als gesündeste Ordnung, um der
Menschheit ein allgemeines Seelenheil zu bescheren. Oder?
Und was ist eigentlich aus der Kritik der Pädagogisierung und
Psychologisierung des Menschen geworden?

04.11.2013 | 20h | von AG FreieBildung mit Roger Behrens